„Online heißt nicht ein blöder Computer mit einer blöden Maus und einem blöden Keyboard"

14.11.2009 11:40 von Zedlacher

Ein Interview mit Andreas Klinger und Richard Pyrker

Vor mehr als einem Jahr schimpfte der damalige ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz am Elevate-Festival über Jugendliche die sich in dieses „Scheiß Internet" verkriechen, und wie scheißegal es ihm sei ob diese dem ORF-Programm zusehen oder nicht. Andreas Klinger und Richard Pyrker, die Initiatoren der Seite scheissinternet.at sprachen im Interview mit dem Österreichischen Medienverband über den „offenen Brief im Internet", die Verleihung des Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreises und die Zukunft der Medien im Internet.

Die Aussage von Wolfgang Lorenz zum Internet und den Jugendlichen war ein Aufreger. Euch war es aber anscheinend nicht egal diese Aktion einfach so abklingen zu lassen?

Andreas: Als ich das Kommentar von Lorenz hörte habe ich mich zuerst furchtbar aufgeregt und schließlich bemüßigt gefühlt meinen Unmut kundzutun. Mit Richard habe ich mich per Skype darüber unterhalten und wir haben gemerkt, dass so einige Leute ihre Stimme zu diesem Thema erhoben. In der Web-Community wurde vorgeschlagen zu handeln. CHiLLi.cc hat den ersten Artikel über den Lorenz-Sager gebracht. Unsere Idee war, unter diesen Artikel eine Box mit Tweets zu platzieren, damit dieser einen Mehrwert bekommt.

Richard: Damals hat das bei CHiLLi.cc aufgrund des Redaktionssystems nicht funktioniert. Somit kam uns die Idee eine eigene Seite einzurichten. Und die Bezeichnung scheissinternet.at lag für uns einfach sehr nahe. Wir wollten einen Ort schaffen an dem diskutiert werden kann und an dem wir nachhaltig etwas hinterlassen.

Die Gründung entstand somit spontan. Hattet ihr ein Ziel zu dieser Aktion?

Andreas: Das Ganze war bzw. ist nichts anderes als eine Antwort. Vor ein paar Jahren hätte man einfach einen offenen Brief geschrieben und diesen dann in einem (Print)Medium publiziert. Wesentlich effektiver sahen wir es aber an, einen offenen Brief zu gestalten, in dem jeder eine Zeile dazuschreiben kann.

Ich bin einmal von einem Journalisten gefragt worden, ob das Ganze wenn's fertig ist ausgedruckt und zum ORF gebracht wird. Mir war damals ganz ehrlich nicht bewusst, dass das „Ding" ein Ende haben sollte. Ich muss dem Journalisten aber recht geben - ohne Ziel wäre die Sache ja gar nicht erst angekommen. Noch war mir aber nicht danach all die Meldungen auszudrucken und zum ORF zu bringen.

Richard: Naja, und wer druckt schon das Internet?

Gab es von Seiten des ORF Reaktionen auf scheissinternet.at?

Andreas: Ja die gab es und somit wissen wir auch das scheissinternet.at vom ORF gelesen wurde. Wir waren trotzdem enttäuscht, dass der ORF auf die Diskussion nicht stärker einging oder generell versuchte über diesen Weg die Thematik aufzuarbeiten.

Tatsache ist, im Internet wird über Marken, sofern wir nun vom ORF als Marke sprechen, immer diskutiert. Die einzige Möglichkeit die eine Marke bei Negativ-Diskussionen hat, ist an der Diskussion teilzunehmen und zu versuchen das Ganze im eigenen Licht darzustellen. Die Pensionierung von Wolfgang Lorenz wurde kurz darauf bekannt gegeben. Ein Irrglaube ist aber, dass scheissinternet.at etwas damit zu tun hat. Ich habe die Theorie, dass er kurz vor dem Elevate-Festival erfahren hat, pensioniert zu werden. Lorenz hat einfach seine Frust vor einem netzaffinen Publikum kundgetan - was so gesehen kein so guter Schachzug von ihm war.

Richard: Und wenn man sich vorstellt wie langsam die Mühlen beim ORF mahlen, so wäre eine so kurzfristige Pensionierung sehr abwegig gewesen. Es war aber lustig dass es in den OÖ Nachrichten im Zusammenhang mit scheissinternet.at publiziert wurde.

Was hat es mittlerweilen mit #anlorenz auf sich?

Andreas: #anlorenz wurde mittlerweile zum meme und war ein Jahr lang Synonym für „Alte Medien" .

Ich sag nicht das der ORF die neuen Medien nicht versteht, aber #anlorenz steht in direktem Zusammenhang mit dem ORF und wird in Verbindung mit allen klassischen Medien gebracht die etwas zum Medium Internet publizierten. Zum Beispiel Qualitätsjournalismus im Print vs. Onlinejournalismus, Journalisten versus Blogger, etc. In diesem Bereich hat sich #anlorenz immer wieder manifestiert.

Richard: Uns ist klar dass es nicht DEN ORF gibt und wir in unserer Diskussion alles auf den ganzen ORF beziehen sollen, aber es wurde eben zum Synonym für Leute oder Abteilungen von Medien die sich nicht mit Neuen Medien auseinandersetzen wollen.

Auch Armin Thurnher vom Falter steht dem Internet skeptisch gegenüber. Woher kommt solche Abwehrhaltung gegen dieses Medium?

Andreas: Schwierige Thematik. Ich glaube dass der Falter sich jahrelang nicht aktiv bemüht hat das Netz wirklich zu nutzen. Wir hatten in den letzten Jahren eine Art Sturm und Drang-Phase im Internet. Vieles ist dabei daneben gegangen, einiges hat sich etabliert. Rein wirtschaftlich gesehen ist es für ein Printmedium gut nicht bei jedem Experiment mitzumachen. Trotzdem, so möchte man meinen, sollten Medien die irgendeine Art von Content produzieren, dazulernen und die guten „Dinge" für sich herausholen. Armin Thurnher hat mit seiner Positionierung ein ungutes Jahr getroffen, das Jahr nach dem Wolfgang-Lorenz-Sager.

Richard: Armin Thurnher ist selbst ein klassischer Ego-Blogger, mit seiner Kolumne. Komisch eigentlich, dass er dann Neuen Medien ihre Relevanz absprechen will...

Neben scheissinternet.at entstand auch superinternet.at. Was hat es mit dieser Seite auf sich?

Richard: superinternet.at wurde von Daniel Erlacher und Heinz Wittenbrink gegründet (Interview auf CHiLLi.cc, Anm. d. Red.). Sie meinten, dass es für die Thematik um Lorenz nicht gut ist einen so negativ behafteten Begriff wie „scheissinternet" zu verwenden. So gründeten sie superinternet.at, eine Seite die Verbesserungsvorschläge für den ORF sammeln soll.

Andreas: Die Idee von Daniel und Heinz find ich super und ich bin der Meinung man braucht öffentlich-rechtliche Medien und diese Aktion dient der Unterstützung des ORFs. Das Problem dabei ist aber, dass sie den klassischen Fehler gemacht haben intransparent zu agieren. Das heißt, die Leute sollten ihre Verbesserungsideen an die Herausgeber schicken, diese wollten die Informationen dann aufbereiten und dann per Voting darüber abstimmen lassen, welche Vorschläge angenommen werden sollen. Ein vernünftiger Ansatz, im Internet aber komplett der falsche. Der richtige Ansatz wäre für mich komplette Transparenz ab der ersten Minute, d.h. Posting der Verbesserungsmöglichkeiten ab der ersten Minute und Voting ab der ersten Minute. Denn warum sollte jemand seine Ideen abgeben, solange er keine anderen auf der Plattform sieht? Ich wäre weder inspiriert noch motiviert dazu.

Richard: Es entsteht dadurch starke Aufmerksamkeit und Eigendynamik, so wie auch bei den #unsreuni-Protesten.

Welche Rolle spielt Social Media in diesem Context?

Andreas: scheissinternet.at ist ein Paradebeispiel für Social Media. Das Ganze war damals für den Moment gedacht. Es war einfach die Antwort auf eine Aktion - nun ist es zu einem Mahnmahl geworden. Warum wir uns so stark auf Social Media fixiert haben ist, dass die Diskussion im Web vorhanden war. Wir versuchten mit dieser Seite die Kommunikation für die sichtbar zu machen, die Social Media-Angebote nicht bzw. kaum benutzen. Nicht jeder ist mit Twitter und Co. vertraut. Es ist ein simpler Zugang zu den Beiträgen, die im Web 2.0 existieren. Gebündelte Form, leicht konsumierbarer Zugang für nicht Social-Media-Experten.

Richard: Die ersten Aktiven waren übrigens Blogger.

Könnt ihr sagen, wie viel Postings bzw. Einträge ihr auf dieser Seite gesammelt wurden?

Andreas: Ich weiß das heute nicht mehr. Ich kann auch keine quantitative Antwort darauf geben. Im Grunde ist das auch vollkommen egal, solange ein einziges gutes Kommentar dabei ist reicht uns das.

Richard: An dem Tag als die Seite startete hatten wir pro Minute fünf Tweets.

Am 14.11 ist die Verleihung des Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis. Welche Rolle nehmt ihr dabei ein?

Andreas: Der Wolfgang-Lorenz-Gedenkpreis hat mit uns nichts zu tun. Die Künstlergruppe Monochrom - das sind österreichische KünstlerInnen mit starkem Netzhang und rund um Johannes Grenzfurthner organisiert - hat diesen initiiert und vergibt ihn auch.

Die Verleihung findet in einem Puppentheater im Rahmen einer Inszenierung zum Thema statt. Finde ich eine tolle Sache, für mich gibt es dabei nur ein Problem.Sie machen denselben Fehler den sie anderen vorwerfen. Eine selbsternannte ExpertInnengruppe soll als Jury wieder entscheiden was Wahrheit und Information für Andere ist. Die Jury legt fest wer den Preis bekommt. Mein Ansatz wäre wieder gewesen, die Abstimmung transparent und öffentlich zu machen.

Aber, es ist halt ein Kunst- und Kulturevent und hat somit alle Freiheiten.

Wer ist für den Preis nominiert?

Richard: Das ist geheim, das beschließt die Jury für sich.

Andreas: Ich weiß nicht wer nominiert wird, aber vermute dass Personen die „Lorenz"-ähnliche Aktionen gemacht haben, nominiert sind. Wir sind auch nicht auf der Liste, oder in irgendeiner Form darüber informiert was geplant ist, geschweige denn involviert.Ich würd's cool finden, einen Parallelpreis zu machen, um solche Aktionen, wie die vom Lorenz, für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen und zu zeigen warum das falsch ist - bzw. aus unserer Sicht falsch ist.

Wo seht ihr die Chancen des Internets im Zusammenhang mit eurer Webseite?

Andreas: In einer Print-Zeitung kann ich begrenzt viele Leserbriefe abdrucken. Online habe ich das Problem in der Theorie nicht. Man möge es Demokratie oder wie auch immer nennen. Für mich ist es Tatsache, dass in fünf bis zehn Jahren jeglicher Content über eine IP-Adresse geliefert wird, zumindest bis zum Endgerät. Mein Auto wird zum Beispiel online sein. In Zukunft ist für mich klar, dass Fernsehen über IP läuft und ich, wenn ich will, sehen kann was meine Freunde empfehlen und dadurch Mehrwert generiert wird und ich noch dazu mit dem Medium in Interaktion treten kann.

Wenn ich heute zeitkritische Informationen haben will sind meiner Meinung nach Onlinemedien DIE Medien. Online heißt außerdem nicht „ein blöder Computer, mit einer blöden Maus, einem blöden Keybord". Online heißt, dass das Ding an ein Netz angeschlossen ist und dass ich ein Endgerät habe, mit dem ich Content konsumieren kann. Das kann aber auch alles andere sein, ein Iphone, mein Autoradio, ein E-Paper, meine Uhr etc.

Richard: Anzumerken ist hier, dass Print natürlich eine Berechtigung hat und ein gutes Medium ist. Vor allem im Magazin und Special Interest-Bereich.

Andreas: Ich sage nicht dass andere Medien aussterben werden. Langfristig und aus Effizienzgründen wird einfach viel über IP laufen. Ich glaub auch nicht das Magazine aussterben werden. Sonntag gemütlich ein Magazin zu lesen ist entspannend.

Aber die Zukunft sehe ich eben im Internet.

(Victoria Zedlacher)

Links:

scheissinternet.at

Wolfgang Lorenz-Gedenkpreis

superinternet.at-Interview auf CHiLLi.cc

 





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